- LEUTE
Wir kämpfen um jeden Baum: Der Kölner Wald und was wir für ihn tun können
Michael Hundt ist seit 2023 Leiter der Städtischen Forstverwaltung in Köln und damit zuständig für den gesamten Wald auf dem Stadtgebiet. Wenn man mit dem 57-jährigen städtischen Forstbeamten spricht, entsteht der Eindruck, dass er beinahe jeden einzelnen Baum im Blick hat. Im Interview im Lindenthaler Tierpark hat der engagierte, langjährige Förster im linksrheinischen Forstrevier der INsülz erläutert, wie es um den Wald steht, was unternommen wird, damit er möglichst gut erhalten bleibt, und was jede*r tun kann, damit der Wald geschützt wird.
Herr Hundt, wie geht es dem Kölner Wald zurzeit?
Michael Hundt: Es geht dem Wald auf jeden Fall wieder besser. Nach den problematischen Dürrejahren 2018 bis 2023 haben wir 2024 und 2025 relativ normale Jahre gehabt. Vor allem der nasse Sommer 2024 war für den Wald gut, denn Nässe ist in der Regel für den Wald weniger schwer zu verkraften. Dadurch ist sogar der Grundwasserspiegel wieder angestiegen.
Wie würden Sie den Zustand des Kölner Waldes im Großen und Ganzen beurteilen?
Michael Hundt: Der Wald ist nach wie vor geschädigt. Dabei haben wir bei den Baumarten unterschiedliche Gesundheitszustände. So leidet die Esche zum Beispiel massiv an einer Pilzerkrankung, die nicht direkt auf Klimaschäden zurückzuführen ist, sondern eingeschleppt wurde. Da sie eine wichtige Baumart für unsere Auenwälder ist, haben wir jetzt große Ausfälle. Die Eichen schwächeln ebenfalls, nachdem sie lange durchgehalten haben, als viele Buchen schon Schäden aufwiesen. Mehrere Schädlinge wie etwa der Eichenprachtkäfer, der unter der Rinde frisst, und der Eichenprozessionsspinner haben ihnen schwer zugesetzt. Er hatte sich in den Dürrejahren ausgebreitet und ist jetzt durch die Nässe erfreulicherweise eingedämmt worden.
Wir sind jetzt auf Lindenthaler Stadtgebiet: Wie schätzen Sie hier die Lage ein?
Michael Hundt: Hier im Stadtwald und im äußeren Grüngürtel, der ja auch an Sülz und Klettenberg grenzt, gibt es viele hundertjährige Buchen. Weil es im gesamten Stadtgebiet relativ wenig so alte Baumbestände gibt, geben wir uns große Mühe, möglichst viele davon zu erhalten. Die Buche ist hier eigentlich die Hauptbaumart, ist aber sehr hitze- und dürreempfindlich. Sie bekommt Sonnenbrand, der zum Absterben von Ästen führt. Dann wäre die Abholzung wirtschaftlich der günstigere Weg. Aber weil die Nachbarbäume dann noch weniger Schatten haben und ebenfalls Schaden nehmen, versuchen wir durch Totholzentfernung durch Baumkletterer*innen oder mit Hubwagen in den einzelnen geschädigten Bäumen, diese noch für einige Jahre zu retten. Das hat zum einen Bedeutung für die Wegesicherung, aber auch für die dahinterstehenden Bäume, die dadurch mehr Schatten erhalten.
Wir blicken mittlerweile mit einem anderen Fokus auf den Wald. Deshalb haben wir in den Dürrejahren auf die Durchforstung verzichtet. Jetzt freue ich mich, wenn ich hier zum Beispiel in die Krone der alten Buche schaue und sehe, wie sich dort wieder frisches Astwerk entwickelt. Auch die Platanen haben eine Pilzkrankheit namens Massaria entwickelt, die man nur von oben auf den Ästen sehen kann. Wenn die Äste befallen sind, sind sie nicht mehr stabil und müssen abgeschnitten werden. Deshalb sind wir zum Beispiel zwei Mal im Jahr bei den Platanen am Decksteiner Weiher in der Nähe des Geißbockheims und kontrollieren die Schäden. Wir kämpfen hier um jeden einzelnen Baum.
Im Sülz/Klettenberger Teil des Grüngürtels, am Decksteiner Weiher und im Beethovenpark können wir uns ja an einer großen Vielfalt von Baumarten erfreuen. Welche sind denn besonders gefährdet und welche kommen besser mit den Folgen des Klimawandels zurecht?
Michael Hundt: Wir haben im Kölner Wald insgesamt eine große Vielfalt. Denn das alles sind ja keine natürlichen Wälder, sondern sie wurden Anfang des 20. Jahrhunderts angelegt. Konrad Adenauer hatte ja nach dem Ersten Weltkrieg die Idee, den Grüngürtel anzulegen, und hat Fachleute damit beauftragt, das umzusetzen. Dabei hat man sich zum einen an der natürlichen Vegetation orientiert und sie durch besondere Baumarten angereichert. Dadurch haben wir eine große Vielfalt und zum Teil deutschlandweit einzigartige Baumarten.
Zum Beispiel gegenüber vom Haus am See gibt es eine Ecke mit Baumhaseln. Die kommen aus dem Kaukasus und sind im Wald sehr selten. Diese sind hier jetzt über hundert Jahre alt und haben sich über diese Zeit hinweg ganz toll entwickelt. Sie sind mittlerweile 35 Meter hoch, das ist einzigartig, und sie werden vielfach in der Literatur beschrieben. Das ist aber nur ein Beispiel. Es gibt noch viele weitere, wie etwa die 120 Jahre alte Elsbeere hier ganz in der Nähe an der Haydnstraße oder den schönsten, schon 130 Jahre alten Riesenmammutbaum von Köln in Braunsfeld zwischen Tierpark und Tennisclub.
Die Vielfalt fällt besonders im Herbst auf, wenn sich das Laub verfärbt, etwa am Decksteiner oder Adenauer Weiher an den Waldrändern. Es ist wirklich hohe gärtnerische Kunst, wie das alles angelegt wurde – mit den Sichtachsen, den Hügeln und Tälern –, sodass dieser besondere Landschaftscharakter entstanden ist.
Welche Baumarten sind denn besonders gefährdet und welche kommen besser mit den Folgen des Klimawandels zurecht?
Michael Hundt: Tatsächlich ist Vielfalt das wichtigste Instrument, um dem Klimawandel zu begegnen. Es ist noch nicht wirklich absehbar, wie sich das Klima entwickelt. Es ist noch gar nicht klar, ob es trockener oder nasser wird. Deshalb gibt es auch für die Baumpflanzung kein Patentrezept. Es sollte niemals nur eine Baumart angepflanzt werden. Wenn in einem Mischbestand eine Art ausfällt, wie jetzt die Esche, dann übernehmen die anderen Baumarten und schließen die Lücke. Wir bauen überwiegend heimische Baumarten an, dazu sind wir durch unsere FSC-Zertifizierung verpflichtet. Doch der Klimawandel zwingt uns zur Anpassung, deshalb pflanzen wir zum Beispiel hitzeresistentere Baumarten aus dem Mittelmeerraum dazu. Das gilt im Übrigen auch bei der Anpflanzung von Straßenbäumen.
Welche Rolle spielt denn das Waldlabor an der Bachemer Landstraße bei der Entwicklung des Kölner Waldes?
Michael Hundt: Es gibt vier Hauptthemen im Waldlabor: Als erstes den Wandelwald, der als Bürgerwald angelegt wurde. Hier haben Bürger*innen Geld für die Anlage von Wald gespendet. Seit 2010 pflanzen wir mit dem Geld jedes Jahr eine neue Waldfläche auf dem Stadtgebiet.
Zweites Thema ist der Klimawald. Hier haben wir uns von einem Gutachter sechs Baumarten vorschlagen lassen, die besonders klimaresistent sein sollen. Nach zehn Jahren haben wir das wissenschaftlich untersuchen lassen, und bisher haben sich alle besser entwickelt als gedacht. Trotz der dann folgenden Dürrephase sieht der Klimawald immer noch überwiegend gut aus, wobei 15 Jahre im Leben von Bäumen noch keine lange Zeit sind. Mit diesen Baumarten, zum Beispiel Flaumeichen aus den Südalpen, die hier auf unseren guten Böden super wachsen, reichern wir dann die heimischen Bestände an.
Drittes Thema ist der Energiewald: Hier bauen wir schnellwachsende Gehölze wie Pappeln und Weiden an, um Biomasse für Heizkraftwerke zu erzeugen. Als viertes haben wir dann noch den Wildniswald: Ein paar Bäume wurden als Initialpflanzung eingebracht, und den Rest haben wir der Natur überlassen. So haben sich dort Bäume selbst ausgesät. Hier können wir sehen, wie sich Naturwald entwickelt. Das ist ein Experiment, das wir gespannt beobachten – auch auf anderen als Naturwald ausgewiesenen Flächen in Köln.
Was können Bürgerinnen und Bürger im Kölner Westen tun, um den Wald zu schützen und den Erhalt zu fördern?
Michael Hundt: er äußere und der innere Grüngürtel mit seinen radialen Grünzügen sind sehr wichtig als Beatmungssystem für ein lebenswertes Köln. Wir wollen der Bevölkerung einen auch wirtschaftlich genutzten Erholungswald zur Verfügung stellen. Doch viele Flächen, wie zum Beispiel der Beethovenpark oder rund um den Decksteiner Weiher, sind durch die intensive Nutzung gestresst. Es sind einfach sehr viele Menschen, die hier Erholung suchen. So hatten wir beispielsweise im Beethovenpark während der Coronazeit die größte Dichte an Tagesmüttern, und wir hatten Waldstücke, die voller Windeln waren.
Also, es wäre schon ein großer Schritt, wenn die Menschen auf den Wegen bleiben würden, weil die dazwischenliegenden Bereiche für eine naturnahe Entwicklung unbedingt weniger betreten werden müssten. Das gilt zum Beispiel auch für die Abkürzungen auf den Joggingstrecken. Dafür haben wir diese Gatter aufgestellt, die sicher jeder in Sülz und Klettenberg kennt. Sie sollen darauf hinweisen, dass Trampelpfade dazu führen, dass immer mehr Waldflächen verdichtet werden, was weder für Pflanzen noch für Tiere gut ist. Außerdem machen wir so darauf aufmerksam, dass hier Gefahr für Familien oder Erzieherinnen mit Kindern durch herabfallendes Holz besteht. Die Waldtiere brauchen auch Flächen, durch die nicht ständig Hunde laufen – dafür gibt es extra die Freilaufflächen. Auf den Wegen gilt die Anleinpflicht, genau deshalb. Genauso ist das Mountainbiken quer durch den Wald für die Flächen zwischen den offiziellen Wegen nicht förderlich.
Ein weiteres großes Problem ist der Müll, der in die Landschaft geworfen wird. Auch hierdurch werden Tiere und Pflanzen gefährdet. Gerade die Hundekotbeutel können zur Plage werden, wenn sie nicht mit nach Hause genommen werden, genauso wie Picknick- und Grillabend-Abfälle. Wer Holz braucht, sollte es nicht einfach mitnehmen. Es gibt bei der Stadt Köln ganz unproblematisch einen Holzleseschein, der zur Entnahme berechtigt. Bäume oder Sträucher zu beschädigen, indem man Zweige abschneidet, um sie zu Hause in die Vase zu stellen, ist ebenfalls schädlich.
Zusammengefasst kann man sagen: Überlegen Sie sich bei jeder Handlung, welche Auswirkungen es hat, wenn es jede*r täte … Miteinander können wir durch Vermeidung von Trampelpfaden, Müllentsorgung zu Hause und angeleinte Hunde sehr viel tun, um unseren schönen Wald im Kölner Westen, aber auch in den anderen Stadtteilen, zu schonen und zu erhalten.
Ein gutes Schlusswort. Vielen Dank, Herr Hundt, für dieses interessante und aufschlussreiche Gespräch.
02.2026 // Interview: Dorothee Mennicken, Fotos: Monika Nonnenmacher





