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Bunt, Beats und Berrenrather
Die zweite Auflage des Straßenfests „Bunt im Carrée“ lockte am Wochenende rund 50.000 Menschen nach Sülz. Es gab viel Musik, viel Veedel – und viel Diskussion im Nachgang.
Am Wochenende des 25. und 26. April wurde die Berrenrather Straße zwischen Gerolsteiner Straße und Nikolausplatz wieder zur großen Bühne: „Bunt im Carrée“ brachte Livemusik, DJ-Sets, Streetfood, lokale Händlerinnen, eine Kids-Area und jede Menge Nachbarschaftsgefühl nach Sülz. Rund 50.000 Besucherinnen kamen laut Veranstalterangaben an den beiden Tagen ins Veedel.
Eröffnet wurde das Straßenfest am Samstagmittag auf der Bühne am Nikolausplatz von der stellvertretenden Bürgermeisterin Derya Karadag im Beisein des Vorstands der ISK Carrée und weiterer Mitorganisatoren. Schon bei der Eröffnung zeigte sich, worum es bei „Bunt im Carrée“ im besten Sinne gehen sollte: um ein Fest von Nachbarn für Nachbarn, um Sichtbarkeit für das lokale Gewerbe und um einen Ort, an dem Sülz und Klettenberg zusammenkommen.
Viel Veedel auf der Straße
Besonders positiv: Das Fest war kein austauschbarer Eventmarkt, sondern hatte sichtbar lokale Wurzeln. Zahlreiche Ausstellerinnen aus Sülz und Klettenberg prägten das Fest, darunter Gastronomien, Einzelhändlerinnen, Künstler*innen und Initiativen. Viele Geschäfte beteiligten sich mit eigenen Aktionen: Das Weinkontor Sülz bot Weine, Spritzgetränke und alkoholfreie Alternativen an, Peppis Boho Life lockte unter anderem mit Glitzer-Tattoos für Kinder, die Parfümerie Becker mit Rabattaktionen, und die Weinschmeckerei verband ihr Jubiläum mit einem Straßenfestangebot.
Auch kulinarisch war „Bunt im Carrée“ breit aufgestellt: Streetfood, vegane Angebote, Gegrilltes, süße und herzhafte Snacks, Drinks und kreative Stände sorgten dafür, dass die Berrenrather Straße zwei Tage lang eher nach Festivalmeile als nach Einkaufsstraße aussah. Dazu kamen Live-Acts, Chöre, DJ-Sets und Performances auf der Bühne am Nikolausplatz und vor dem Deli Sülz.
Mehr Raum für Kinder
Auf die Veedelskids wartete die im Vergleich zum Vorjahr erweiterte Kids-Area. Neben Angeboten wie Bungee-Jumping für Kinder gab es eine betreute Karate-Fläche der Karate Fachsportschule Sülz. Am Sonntag gehörte außerdem eine Kinderlesung von Lesewelten Köln zum Programm. Gerade diese Elemente zeigten, welches Potenzial das Straßenfest hat: Wenn Musik, Kultur, Essen, lokaler Handel und Kinderprogramm gut zusammenspielen, kann „Bunt im Carrée“ ein echtes Sülzer Familienwochenende werden.
Partypeople und Promilleproblem
Doch so viel positive Energie das Wochenende auch hatte: Die Kritik danach war deutlich. Anwohner*innen berichteten von überfüllten Straßen, sehr viel Alkohol, Scherben und anderem Müll sowie von Wildpinklern in Vorgärten, Hauseingängen, Höfen und Nebenstraßen. Besonders am Samstagabend kippte die Stimmung offenbar für viele vom „Veedelsfest“ zur „Partymeile“. Viele junge Feiernde schienen ihre Grenzen nicht zu kennen – oder sie zumindest an diesem Abend deutlich überschritten zu haben.
In der folgenden Debatte wurde außerdem kritisiert, dass es zu wenig Toiletten und Mülleimer gegeben habe. Dylan Stuka vom Mitveranstalter Deli Eventservice stellte sich der Kritik und äußerte sich gegenüber EXPRESS.de. Er verwies darauf, dass zwei Toilettenwagen sowie Behinderten-WCs vorhanden gewesen seien und man das Angebot im Vergleich zum Vorjahr bereits verdoppelt habe. Nach den Problemen in der Nacht auf Sonntag seien zusätzlich 15 Dixi-Klos aufgebaut worden, wodurch der zweite Festtag besser verlaufen sei.
Scherben, Besen und Verantwortung
Auch beim Thema Müll räumte Stuka Probleme ein: Besonders mitgebrachte Wein- und Bierflaschen hätten für viel Abfall und Scherben gesorgt. Jüngere Besucher*innen hätten Getränke teils außerhalb des Festgeländes in Kiosken und Supermärkten gekauft – ein Punkt, der für die Veranstalter kaum kontrollierbar ist, die an ihren Ständen mit Pfand arbeiteten. Gerade dieser unkontrollierbare Einkauf in umliegenden Kiosken und Supermärkten macht die Lage kompliziert: Der Alkohol landet auf dem Fest, die Verantwortung wird allein den Organisatoren zugeschoben.
Doch diese nahmen sie an: Bereits kurz nach Ende des Programms am Samstag griffen die Veranstalter selbst zum Besen und fegten Scherben zusammen. Auch die AWB leistete in den frühen Morgenstunden ganze Arbeit: Während viele noch schliefen, wurde gereinigt, geräumt und die Straße wieder in einen Zustand gebracht, der am Sonntag einen geordneten zweiten Festtag möglich machte – bis am Abend wieder gekehrt werden musste.
Das macht die Aufgabe für die Zukunft nicht kleiner: Wer ein offenes Straßenfest in einer dicht bewohnten Straße organisiert, muss mit Besucherströmen rechnen, die sich nicht vollständig steuern lassen und auch außerhalb des Festgeländes Müll und Scherben hinterlassen. Gleichzeitig brauchen die Veedelsbewohnerinnen, Familien und lokale Händlerinnen das Gefühl, dass ihr Veedel nicht nur Kulisse für eine große Party ist.
Einsatz fürs Veedel: Familie Stuka
Bei aller berechtigten Kritik sollte nicht untergehen, wie viel Einsatz hinter solchen Formaten steckt. Die Familie Stuka ist seit Jahrzehnten in Sülz und Klettenberg verwurzelt. Raimund Stuka und Nicole Lutmann prägten mit dem ABS über viele Jahre das gastronomische Leben im Veedel; mit Sohn Dylan Stuka ist eine neue Generation angetreten, die mit Deli Sülz, Stukmans und weiteren Projekten eigene Akzente setzt. INsülz hatte Dylan Stuka und das Team bereits 2024 als kreative Veedelsunternehmer porträtiert (siehe: www.insuelz.com/2024/02/26/erfolgreiche-veedel-unternehmer).
Dazu gehört auch, dass Dylan Stuka und sein Team nicht nur Gastronomie betreiben, sondern immer wieder neue Formate ins Veedel bringen. Der von ihnen organisierte Veedelsweihnachtsmarkt war ein Beispiel dafür, wie sehr solche Ideen das lokale Leben bereichern können, denn jahrzehntelang fehlte ein solcher.
Man darf dabei auch nicht vergessen: Solche Veranstaltungen entstehen nicht einfach nebenbei. Veranstalter gehen in Vorleistung, tragen finanzielle Risiken, sollten Wetter & Co. nicht mitspielen, organisieren Genehmigungen, Technik sowie Sicherheit und planen Toiletten, Reinigung und Programm – ohne Garantie, dass am Ende alles aufgeht. Gerade lokale Akteur*innen, die nicht als anonyme Eventagentur von außen kommen, sondern selbst im Veedel aktiv sind, tragen dabei ein besonderes Risiko: wirtschaftlich, organisatorisch und auch persönlich in der öffentlichen Kritik. Gerade deshalb lohnt es sich, „Bunt im Carrée“ nicht vorschnell abzuschreiben, sondern gemeinsam weiterzuentwickeln.
Wie wird es ein Sülzer Familienfest?
Die wichtigste Frage nach diesem Wochenende lautet: Wie kann „Bunt im Carrée“ 2027 das werden, was es im Kern sein möchte – ein buntes, lokales, familienfreundliches Veedelsfest?
Die ersten Lösungsansätze liegen auf dem Tisch: mehr Toiletten, mehr Mülleimer, ein klares Müllkonzept, bessere Reinigung der Nebenstraßen, mehr Security an sensiblen Punkten und vor allem ein zu beantragendes Glasverbot auf dem Veranstaltungsgelände. Sinnvoll wäre zudem, über den Charakter der Bewerbung nachzudenken. Muss ein Sülzer Straßenfest kölnweit beworben werden? Oder wäre es klüger, die Kommunikation stärker auf Sülz, Klettenberg und die direkte Nachbarschaft zu konzentrieren, damit das Fest nicht zur überregionalen Partyadresse wird?
Auch die musikalische Dramaturgie könnte stärker auf ein Familien- und Veedelsfest ausgerichtet werden: tagsüber Kinder, Chöre, lokale Bands, Kleinkunst und entspannte Livemusik; abends zwar Stimmung, aber weniger Festivaldruck und weniger Eskalation durch Technomusik. Ergänzend könnten zusätzliche Hinweisschilder zu Toiletten, mehr Pfandrückgabestellen, alkoholfreie Angebote und eine engere Abstimmung mit den vom Fest profitierenden Kiosken und Supermärkten helfen.
Wichtig wäre außerdem eine faire Lastenverteilung. Wenn ein Straßenfest ausdrücklich dem Veedel, dem Handel und der Stadtteilkultur dient, sollten Veranstalter mit Kosten für Toiletten, Müllentsorgung und Sicherheit nicht allein gelassen werden. Städtische Zuschüsse oder klarere Unterstützungsstrukturen könnten helfen, Qualität und Kontrolle zu verbessern, ohne dass lokale Initiator*innen das gesamte Risiko tragen.
Respekt: Veranstalter lädt zum Gespräch
Spannend wird das angekündigte Treffen am 12. Mai um 17 Uhr im Deli: Dylan Stuka und sein junges Team laden zum Vor-Ort-Termin, um sich der Kritik zu stellen und mit den Anwohnerinnen konstruktiv zu diskutieren. Wir finden, das hat Respekt verdient! Denn „Bunt im Carrée“ hat gezeigt, wie viel Energie in Sülz steckt. Jetzt geht es darum, diese Energie so zu lenken, dass aus Bunt, Beats und Berrenrather ein Fest wird, auf das sich Feiernde, Veedelsbewohnerinnen und Geschäftsleute gleichermaßen freuen können.
05.2026 // Redaktion: Christina Kuhn



