Das Ende einer Ära

Köln hat nach über 100 Jahren seinen Großmarkt geschlossen, Markthändler greifen auf kleine Zusammenschlüsse der Großmarkthändler zurück.

Es ist morgens um 4 Uhr am 22. Dezember 2025, als unsere Fotografin Sonja Hoffmann und ich uns auf den Weg zum Großmarkt an der Bonner Straße machen. So kurz vor Weihnachten sind viele andere mit den letzten Arbeiten in Büro oder Werkstatt oder mit den letzten Einkäufen für das große Fest beschäftigt. Wir jedoch wollen die letzte Chance nutzen, noch einmal den Großmarkt zu besichtigen, dort mit den Händlern zu sprechen und Fotos zu machen. Denn der Kölner Großmarkt schließt, und die Stadt Köln hat keine Alternative anzubieten.

Vielleicht mögen sich manche Leser*innen noch an meine Reportage mit Monika Nonnenmacher vor elf Jahren erinnern? Damals haben wir Margret und Peter Schwarz morgens um 4 Uhr auf den Großmarkt bei ihrem Einkauf für den Wochenmarkt am Klettenbergpark begleitet. „Was ist mit Elstar?“, rief ihr ein Händler zu. Und tatsächlich, die Äpfel hätte sie beinahe vergessen zu kaufen.

Doch seit dieser Zeit hat sich viel verändert. Einige Wochenmarkthändler haben aus Altersgründen aufgehört. Neue sind hinzugekommen, von denen viele türkische Läden und Restaurants beliefern. Jeden Tag um Mitternacht oder kurz danach aufstehen und danach bis mittags auf dem Markt zu verkaufen, ist nicht für alle Menschen geeignet. Uns hat es damals und heute viel Hochachtung abgewonnen. Wir haben uns am 21. Dezember extra nochmals abgesprochen, ob wir wirklich um drei Uhr morgens aufstehen wollen, um pünktlich vor Ort zu sein. Für diese unsere letzte Reportage über den Großmarkt und seine Händler*innen wollten wir das unbedingt.

Immer noch genießen viele Menschen den Einkauf auf dem Wochenmarkt am Klettenbergpark, am Auerbachplatz sowie am Hermeskeiler Platz. Doch viele regionale Bauern und Hersteller, die bisher am Großmarkt zu ihren eigenen Produkten Südfrüchte etc. zugekauft haben, müssen nun auf Ausweichstellen von bis zu zehn Großmarkthändlern ausweichen, die nicht so viel wie in der großen Halle an der Bonner Straße anbieten können. Das Angebot wird schmaler, die Preise höher werden.

Doch zurück zum 22. Dezember. Es ist dunkel, nasskalt, und die Lichter der Straßen blenden uns, als wir kurz vor vier Uhr auf das Gelände fahren. Ich kann mich kaum noch daran erinnern, wie wir vor elf Jahren zu der großen Halle gefahren sind. Das liegt nicht nur an den elf Jahren. Wir kommen an Müllbergen vorbei. Es stinkt. Seit Wochen wurde hier kein Müll abgefahren, Lebensmittel vergammeln. Im ersten Moment denken wir, dass wir nur kurz bleiben werden. Doch als wir die Großmarkthalle betreten, kommt die Erinnerung bei mir hoch. Händler schauen neugierig auf uns. Schnell kommen wir ins Gespräch mit ihnen.

1936 ist der Spatenstich zu diesem Gebäude in der Marktstraße 10 erfolgt, das heute unter Denkmalschutz steht. Doch bereits im Jahr 922 ist in Köln ein „Kölner Markt“ erwähnt, damals auf Lateinisch „Mercatus Coloniae“ auf dem heutigen Altermarkt. Heute erinnern Fotos daran, dass auf dem Heumarkt im 19. Jahrhundert ein prächtiger Großmarkt entstand. Die Halle erinnerte an ein Gebäude zwischen Bahnhof und Kirche, hatte drei Schiffe, riesige Fenster sowie einen direkten Bahnanschluss. Dieser befand sich auf dem Sassenhof. Heute steht dort das Hotel Maritim am Heumarkt. Das Richtfest des Großmarktgebäudes an der Bonner Straße wurde 1939 gefeiert. Die Halle ist 132 Meter lang, hat eine Spannweite von 57 Metern und eine Höhe von 22 Metern. Unter ihr liegen Kühlkeller. Der Fotograf Chargesheimer hat in seinem Buch „Cologne intime“ das Leben auf dem Großmarkt in den 1950er-Jahren dokumentiert, seine Originalfotos liegen im Historischen Archiv mit Rheinischem Bildarchiv am Eifelwall.

Taylan Köymen vom „RS Gastro Service“ am Stand, der mit „Bertoldi-Marchesetti“ schön gekennzeichnet ist, bedauert wie viele andere die Schließung des Großmarkts. Er wird mit seinen Kolleg*innen und weiteren Händler*innen nach Bornheim in die Raiffeisenstraße 10 umziehen, bedauert jedoch, dass er nicht mehr die vielen anderen Händler, die über Jahre zu einer nächtlichen Gemeinschaft gewachsen sind, treffen wird. Ahmet Istonbully erzählt uns, dass bei der Aris Champignon-Gemüse UG, die nach Pulheim ziehen wird, nur noch vier statt acht Mitarbeiter*innen arbeiten werden und sie dann erst ab 4 Uhr morgens öffnen werden.

Haydar Kahraman von Euro-Natural gehört zu den wenigen, die auf dem Gelände ihre Arbeit fortführen können. Ein Notwegerecht wird von der Stadt Köln zu ihrem Gemüsestand gewährleistet werden, doch wer wird von diesem dann Gebrauch machen, wenn viele Händler*innen nicht mehr am Ort sind? Alexandra Kavcakova erledigt während unseres Gesprächs in ihrem Häuschen den Bürokram, der schließlich auch zur Arbeit gehört. Abdul Demirev von Bereket Lebensmittel hingegen hört mit dieser Arbeit auf und wird sich für die letzten fünf Jahre bis zu seiner Rente eine neue Arbeitsstelle suchen müssen.

Als wir gerade mit Lulzim Hajdaraj von Hajdaraj Obst & Gemüse sprechen, der mit fünf weiteren Händlern nach Bornheim in die Raiffeisenstraße 10 ziehen wird, kommt Klaus Langen vom Obst- und Gemüsehof Langen am Stand vorbei. Alte Großmarktatmosphäre kommt auf, alle stellen sich zusammen, reden und lachen. Wir dürfen fotografieren. Er wird auch zukünftig bei Hajdaraj hineinschauen, bedauert jedoch wie andere, dass die Gemeinschaft hier zum Ende des Jahres 2025 aufhört.

Schließlich kommen wir bei der Markant Früchte GmbH vorbei. Sei 1919 gibt es dieses Unternehmen, früher als „Montag-Frucht“ im Greven Adressbuch von Köln verzeichnet. Sie werden nach Chorweiler in die Marconistraße 34 gehen. Gleich am Ausgang ist noch ein Stand mit einem schönen alten Zeichen, der verlassen daliegt: Emil Pott, Leverkusen. Bei ihm haben über Jahrzehnte Kölner Wochenmarkthändler Bananen gekauft. Als wir die Halle verlassen, schauen wir nochmals auf unsere Uhren: nach sechs Uhr. Die Zeit ist schnell vergangen. Wir waren viel länger hier als geplant.

Wir verstehen die Händler*innen, dass sie die Gespräche, den gemeinsamen Kaffee, die kurzen Umarmungen zum Abschied nach der Nachtschicht vermissen werden. Noch einmal gehen wir über das Gelände, schauen uns die riesige Halle an sowie die Nebengebäude. Das alles ist jetzt nicht mehr zugänglich. Zum Abschied drehen wir uns noch einmal zum Großmarkt um: Auf Wiedersehen! Ade! Tschüss! Eine Ära ist zu Ende gegangen.

03.2026 // Redatkion: Hanka Meves-Fricke, Fotos: Sonja Hoffmann

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